„Arbeit, die man wirklich, wirklich will“

New Work – so neu, wie der Begriff klingt, ist er gar nicht. Ende der 1970er Jahre entwickelte der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann sein Theoriekonzept der Arbeit. In Zusammenhang mit der Automatisierung der Arbeit – beispielsweise am Fließband – stellte sich Bergmann die Frage nach dem eigentlichen Sinn der Tätigkeit. Stand der Arbeiter am Fließband, weil es ihn mit Sinn erfüllte? Oder, weil es den Job nunmal gab und ihn irgendeiner machen musste? Musste die Tätigkeit an einem bestimmten Ort ausgeführt werden? Oder macht eine Loslösung von festen Orten und Zeiten nicht freier?

Bergmanns Begriff der Freiheit bezieht sich dabei auf Handlungsfreiheit. Ein Aspekt dessen ist „Arbeit, die man wirklich, wirklich will“.

New Work in der Steuerberatung

Rund vierzig Jahre später liest sich Bergmanns Theorie so, als wäre sie gerade erst erschienen. Die Arbeitswelt ist einmal mehr im Umbruch. Schuld ist der Megatrend der Digitalisierung. Er macht eine große Zahl verschiedener Arbeitsmodelle möglich, unabhängig von Branche oder Geschäftsmodell. Wie aber können Steuerberater und ihre Mitarbeiter neue Arbeitsmodelle übernehmen? Je nach Digitalisierungsgrad kann von überall gearbeitet werden. Noch dazu zu jeder Zeit. Doch das allein ist nicht genug. Digitalisierung beschleunigt. Sie ermöglicht den Austausch von Dokumenten quasi in Echtzeit, medienbruchfrei. Kommunikation zwischen Beratern, Kanzleimitarbeitern, Mandanten und Behörden wird verschlankt. Jeder könnte auf alle Daten zugreifen – wenn er es theoretisch müsste. Gleiches gilt für fachliches Know-how, das an einem zentralen Ort abgelegt und beliebig fortgeschrieben und ergänzt werden kann. Und wer sagt eigentlich, dass sich nicht zwei Personen eine Stelle teilen können? New Work beschreibt auch Modelle wie Job-Sharing, die durch die Digitalisierung erst ermöglicht werden.

Fokus auf Kernkompetenzen

Neue, digitale Geschäftsmodelle und Arbeitsweisen erhöhen Transparenz und Effizienz. Darüber sind wir uns nun einig. Die logische Konsequenz: Es bleibt mehr Zeit für Kernkompetenzen. Die Tätigkeitsschwerpunkte verlagern sich. Beraten statt Abarbeiten, Gestaltung statt Verwaltung. Mehr Zeit für die Dinge, die eine gute Kanzlei ausmachen, Zeit für die Dinge, für die der Beruf ergriffen wurde. Das ist New Work. Im Idealfall führt dies außerdem zu einer beträchtlichen Umsatzsteigerung.

Work-Life-Blending statt Balance

Nicht nur Arbeitsweisen ändern sich, werden neu. New Work vor dem Hintergrund der Digitalisierung sagt der Work-Life-Balance den Kampf an. Nach Verlassen des Büros kann weitergearbeitet werden. Die Arbeit verschwimmt mit dem Privatleben – für den, der das möchte. Der neue Begriff dafür heißt Work-Life-Blending. Vorteil: Wir können uns unsere Arbeitszeit nach unseren Bedürfnissen anpassen, werden so effizienter. Andererseits laufen wir Gefahr, unsere Freizeit der Arbeit unterzuordnen. Ob es gut ist, unsere Mails in der Badewanne zu checken? Ob der Mandant bemerkt, dass wir nicht bei der Sache sind, wenn wir während des Telefonats das Kind vom Klettergerüst heben? Hier liegt es an uns selbst, den passenden Mittelweg zu finden. Eben den, der für uns sinnstiftend ist. Auch das macht New Work aus: Wir übernehmen Verantwortung, mit allen Konsequenzen.

Wettbewerbsvorteil im War for Talents

Nicht zuletzt schaffen neue Arbeitskonzepte auch Anreize. Gerade in einer Branche wie der Steuerberatung. Kleinere Kanzleien haben im War for Talents oft das Nachsehen. New Work kann mehr Flexibilität, Vereinbarkeit und Verantwortung beinhalten. Flache Hierarchien, Teamwork und Mitgestalten des eigenen Jobprofils: All dies sind Aspekte, die Berufseinsteigern wichtiger sind als je zuvor. Kanzleien, die solch flexible Arbeitsmodelle nicht nur bieten, sondern umsetzen und vorleben, schaffen so bedeutende Wettbewerbsvorteile.

Digitales Mindset als Voraussetzung

Zum Umdenken und zur Verankerung neuer Prinzipien braucht es aber wieder eines: das passende Mindset. Kanzleiinhaber und Führungskräfte müssen dies vorleben. Sie werden von Vorgesetzten zu Vorbildern. Denn sie sind es, die ihre digitale DNA an ihr Team vererben. Dann entsteht sie, die Arbeit, die wir wirklich, wirklich wollen.